In Gedenken an Dr. Mathew Mandapathil // In Memory of Dr. Mathew Mandapathil
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Dr. Mathew Mandapathil ist letzte Woche nach langer Krankheit gestorben. Ich wünsche seiner Familie und Freunden viel Kraft in diesen schweren Zeiten. Die traurige Nachricht über Mathews Tod brachte mich zum Nachdenken und so möchte ich hier ein paar der Gedanken teilen.
Es gibt in der indischen Community eine Handvoll wichtiger Brückenbauer*innen zwischen Indien und Deutschland. Für mich gehörte „Mathew-Uncle“ zu den wichtigsten unter ihnen. Als oft nahezu unsichtbarer Organisator, Netzwerker und Moderator im Hintergrund ermöglichte er Begegnungen, die die Lebenswege vieler Menschen in der Community geprägt haben. Vor allem aber schuf er Räume, in denen diese Begegnungen überhaupt erst möglich wurden – und damit auch meinen Weg als indischer Deutscher beziehungsweise deutscher Inder.
Dazu muss man wissen: Vor der IT-Einwanderung der 2000er Jahre wurde die indische Community in Deutschland maßgeblich durch die Migration von Krankenschwestern(-schülerinnen) aus Kerala in den 1960er- und 1970er-Jahren geprägt und geformt. Mit der sogenannten Nirmala-Aktion ab 1964 begann die indisch-deutsche Fachkräftemigration. Das Bild indischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland wurde daher über viele Jahre vor allem von indischen Christinnen und Christen aus Kerala bestimmt – eine im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Indiens sehr spezifische und verzerrte Perspektive, da diese Gruppe eine Minderheit darstellt und selbst alles andere als homogen ist.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Bedeutung von Mathews Arbeit verstehen.
Mathew kam 1966 nach Deutschland. Er wurde Auslandsreferent im Diözesanbildungswerk Münster. Dort nutzte er den katholischen institutionellen Rahmen, um Räume der Begegnung für Menschen aus Deutschland und Indien zu schaffen. Doch seine Leistung für die Community ging weit über das hinaus, was man als Lohnarbeit bezeichnen könnte. Er vernetzte Menschen, übersetzte für die deutsche Mehrheitsgesellschaft, half beim Aushandeln von Positionen innerhalb der Community und vermittelte zugleich die Perspektiven der Mehrheitsgesellschaft zurück in die Community. Stets tat er dies mit Charme, Humor und vor allem mit einer tiefen Zuversicht und Freude, die ansteckend war.
Mathew war unter anderem Redakteur der Zeitschrift „Wartha – Nachrichten für Inder in Deutschland“ (siehe unten). Sie lag in meiner Kindheit immer bei uns zu Hause herum.
Besonders prägend waren jedoch die Treffen für die Community, die Mathew federführend organisierte: die Kerala Mela oder das Deutsch-Indische Treffen in Hopsten bei Münster im Tagungszentrum Bernhard-Otte-Haus mit seiner markanten Klinkerfassade. Auch meine Familie fuhr einmal im Jahr die knapp 550 Kilometer von Stuttgart nach Hopsten. Dort verbrachten wir gemeinsam drei bis vier Tage, die jedes Mal viel zu schnell vergingen.
Aus dem deutsch-indischen Kind wurde ein deutsch-indischer Jugendlicher und schließlich ein junger deutsch-indischer Erwachsener, der Jahr für Jahr nach Hopsten zurückkehrte und dort Freunde jeden Alters fand, die wie ich zwischen Deutschland und Indien ihren Platz suchten. Es ging darum miteinander Zeit zu verbringen. Das Rahmenprogramm reichte von Vorträgen, Sport, Musik und Kultur bis hin zu spirituellen Themen. Und jeden Abend ließ man gemeinsam los, feierte miteinander und genoss dieses Gefühl von Vertrautheit und Zugehörigkeit. Den ganz eigenen Geruch von kaltem Rauch und Bier, der sich tief in den Teppichboden der Kellerräume des Bernhard-Otte-Hauses eingelassen hatte, werde ich nie vergessen.
Erst heute wird mir bewusst, wie prägend dieser Ort für meinen eigenen Weg gewesen ist. Heute schaue ich auf Hopsten zurück und erkenne darin einen beständigen Ort, an den ich immer wieder zurückkehren konnte, um meine Identität auszuhandeln und weiterzuentwickeln. Dort entstanden wunderbare Freundschaften, die bis heute bestehen.
Orte zu schaffen, an denen Menschen über Jahre und Jahrzehnte hinweg Zugehörigkeiten reflektieren, Identitäten aushandeln und Gemeinschaft erfahren können, ist keine einfache Aufgabe. Mathew ist es gelungen, genau solche Räume entstehen und bestehen zu lassen.
Die Zeiten haben sich seit meinen Hopsten-Erfahrungen deutlich verändert. Die Informations- und Kommunikationslandschaft wurde durch die technologischen Umbrüche der vergangenen Jahre grundlegend verändert und ist mit damals kaum noch vergleichbar. Auch die Repräsentation „des Indischen“ befindet sich im Wandel, die indische Community in Deutschland wird vielfältiger sichtbar und die gesellschaftlichen Diskurse haben sich verschoben.
Und dennoch bin ich bei allen Veränderungen fest davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität in einem familiären Kontext von Einwanderungsgeschichte – ob mit Indienbezug oder in anderen Migrationskontexten – ein vielschichtiger und lebenslanger Prozess bleibt, für den wir genau solche Orte brauchen. Ich bin Mathew dankbar dafür, dass er etwas geschaffen hatte, in dem ich über mich hinauswachsen durfte und aus dem ich bis heute schöpfe. Und ich bewundere ihn dafür, dass er es in einer Zeit geschafft hat, so viele Menschen zusammenzubringen, obwohl die kulturellen Prägungen, Denkweisen und Vorstellungen von Zugehörigkeit damals noch deutlich weiter auseinanderlagen als heute.
Welche persönlichen Belastungen diese Arbeit mit sich brachte, wissen wir nicht. Vielleicht sollte man überhaupt vorsichtig sein mit Urteilen über Menschen, die solche Räume des Dazwischen schaffen. Zu oft sehen wir nur die Begegnungen, die sie ermöglichen, nicht aber die Spannungen, die sie dafür aushalten müssen.
Vielleicht besteht das größte Vermächtnis eines Brückenbauers darin, dass viele Menschen erst bemerken, wie wichtig die Brücke war, wenn ihr Erbauer nicht mehr da ist. Er wird fehlen.
Meine Einwanderungsgeschichte ist nur ein kleines Fragment eines viel größeren Ganzen. Die unglaubliche Vielschichtigkeit Indiens wird innerhalb der indischen Community in Deutschland erst seit wenigen Jahren sichtbarer. Doch mit wachsender Vielfalt wächst auch die Bedeutung jener Menschen, die Begegnungen ermöglichen und Räume des Dazwischen offenhalten.
Wer wird heute und morgen diese Aufgabe übernehmen?
Diese Ausgabe der Wartha bekam ich 2023 bei einem Treffen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auf Feldforschung in Trivandrum geschenkt. Dort stellte sich heraus, dass sich in dieser Ausgabe auch Bilder meiner Familie fanden. Ich musste erst nach Indien reisen, um diese Schätze wiederzuentdecken, die ursprünglich Menschen bei ihrer Identitätssuche in Deutschland unterstützen sollten.
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ENG
Dr. Mathew Mandapathil passed away last week after a long illness. I wish his family and friends much strength during this difficult time. The sad news of Mathew's death made me reflect, and I would therefore like to share some of those thoughts here.
There are a handful of important bridge-builders between India and Germany within the Indian community. For me, "Mathew-Uncle" belonged among the most important of them. As often an almost invisible organizer, networker, and moderator in the background, he enabled encounters that shaped the life paths of many people in the community. Above all, however, he created spaces where these encounters could take place at all—and thus also my own path as an Indian German or German Indian.
To understand this, one must know: Before the IT immigration of the 2000s, the Indian community in Germany was primarily shaped by the migration of nurses from Kerala in the 1960s and 1970s. With the so-called Nirmala Association starting in 1964, skilled worker migration from India to Germany began. The image of Indian migrants in Germany was therefore determined for many years mainly by Indian Christians from Kerala—a very specific and distorted perspective compared to India's overall population, since this group represents a minority and is itself far from homogeneous.
Against this background, Mathew's work can also be understood.
Mathew came to Germany in 1966. He became a foreign affairs officer at the Diocesan Education Center in Münster. There, he used the Catholic institutional framework to create spaces of encounter for people from Germany and India. Yet his contribution to the community went far beyond what could be described as paid work. He connected people, translated for German majority society, helped negotiate positions within the community, and simultaneously mediated perspectives from the majority society back into the community. He always did this with charm, humor, and above all with an optimism and joy that were infectious.
Mathew was, among other things, an editor of the magazine "Wartha – News for Indians in Germany" (see below). When I was a child, it was always lying around in our house.
However, the particularly formative experiences were the community gatherings that Mathew led: the Kerala Mela or the German-Indian meeting in Hopsten near Münster at the Bernhard-Otte-Haus conference center with its distinctive brick facade. My family also made the nearly 550-kilometer journey from Stuttgart to Hopsten once a year. There we spent three to four days together, which went by much too quickly each time.
The German-Indian child became a German-Indian teenager and, eventually, a young German-Indian adult who returned to Hopsten year after year. There, he or I found friends of all ages who, like me, were searching for their place between Germany and India. It was simply about being together. The program ranged from lectures, sports, music, and culture to spiritual topics. And every evening, we let go together, celebrated together, and enjoyed this feeling of familiarity and belonging. I will never forget the unique smell of cold smoke and beer that had settled deep into the carpet of the cellar rooms of the Bernhard-Otte-Haus.
Only today do I realize how formative this place was for my own path. Today I look back on Hopsten and recognize it as a constant place where I could return again and again to negotiate and further develop my identity. Wonderful friendships emerged there that still exist to this day.
Creating places where people can reflect on belongings, negotiate identities, and experience community over years and decades is no simple task. Mathew succeeded in making exactly such spaces emerge and endure.
Things have changed significantly since my Hopsten experiences. The information and communication landscape has been fundamentally transformed by the technological upheavals of recent years and is hardly comparable to then. Also, the representation of Indianness is changing; the Indian community in Germany is becoming more visibly diverse, and public discourses have shifted.
And yet, despite all these changes, I remain firmly convinced that engaging with one's own identity in a familial context of immigration history—whether with Indian connections or in other migration contexts—remains a multifaceted and lifelong process for which we need exactly such places. I am grateful to Mathew for offering me a place to grow beyond myself and a source of strength that remains with me to this day. And I admire him for managing to bring so many people together in a time when cultural imprints, ways of thinking, and concepts of belonging were still far more apart than today.
We do not know what personal burdens this work may have entailed. Perhaps one should be cautious altogether with judgments about people who create such spaces of in-between. Too often we only see the encounters they enable, not the tensions they have to endure for it.
Perhaps the greatest legacy of a bridge-builder lies in the fact that many people only notice how important the bridge was once its builder is no longer there. He will be missed.
Mathew did not just create connections. He created spaces where connections could emerge.
My own immigration story is only a small fragment of a much larger whole. The incredible complexity of India is visible within the Indian community in Germany only for a few years now. But with growing diversity also grows the importance of those people who enable encounters and keep spaces of in-between open. Who will take on this task today and tomorrow?
I received these edition of Wartha in 2023 at a meeting with eyewitnesses during field research in Trivandrum. There it turned out that this edition also contained pictures of my family. I first had to travel to India to rediscover these treasures that originally were meant to support people in their search for identity in Germany (Feel free to use AI to translate it).
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